Lesbischer Kanon

Dass ein Mensch in seinem Leben alle guten Bücher der Welt liest, ist nahezu unmöglich. Es gibt daher zeitlebens Versuche, eine Liste darüber zu erstellen, welche Bücher auf gar keinen Fall fehlen sollten, damit ein Austausch darüber überhaupt möglich ist. Die Kriterien, die entscheiden, welche Bücher zur jeweiligen Auswahl zählen sollten, unterscheiden sich je nach dem Fokus und Interesse der betrachtenden Person. Jeder spezifische Kanon konzentriert sich auf einer bestimmten Zielgruppe oder Thematik. Wir haben uns für die lesbische Literatur entschieden.

Warum ein lesbischer Kanon wichtig ist

Lesbische Literatur als eine Sparte von Frauenliteratur hat in Fachkreisen bislang weltweit kaum Beachtung gefunden. Das liegt zum einen an dem – bis heute stark von männlichen Interessen geprägten – Literaturmilieu. Lange Zeit wurden im Allgemeinen weder Frauen als Textproduzentinnen noch Frauenthemen ernst genommen. Da die Lebensweise von lesbischen Frauen im Besonderen bis heute gesellschaftlich nicht vollständig akzeptiert ist, wird auch deren kulturelle und historische Relevanz weitgehend ignoriert. Wir sind jedoch der Meinung, dass ein literatur- und kulturwissenschaftlicher Dialog über lesbische Werke nur dann möglich ist, wenn die TeilnehmerInnen eine gemeinsame Schnittmenge haben. Deshalb möchten wir mit einem lesbischen Kanon die Diskussion vorantreiben.

Zwischen Qualität und Quantität

Ein Literaturkanon ist eine Zusammenstellung von Werken, die in der Literatur einen herausragenden Wert haben. Ein solcher Kanon kann durch nationale, religiöse, politische oder philosophische Wertvorstellungen geprägt sein. Er ist außerdem fach-, orts- und bildungsabhängig. Die in Fachkreisen diskutierten Kriterien für eine mögliche Auswahl können zum einen literaturintern sein, indem ein Werk an seiner literarischen Qualität gemessen wird. Sie können zum anderen aber auch literaturextern sein, wenn die Rezeption und Reaktion auf das Werk in die Bewertung mit einfließt. Beide Ansätze verfolgen einen qualitativen Anspruch. Im Gegensatz dazu gibt es auch den quantitativen Anspruch, bei dem die Summe der gesamten Literatur miteinbezogen wird.

Worauf in der Literaturwissenschaft geachtet wird

In der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft ist derzeit das am weitesten verbreitete Kriterium für einen Kanon der Weltliteratur die „Intertextualität“. Darunter sind konkrete Bezüge zwischen literarischen Einzeltexten zu verstehen. Literatur wird daran gemessen,  ob sie eine literarische Epoche, ganze literarische Traditionen, Gattungen, Stile oder Motive begründet beziehungsweise fortgeführt hat.  Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass viele Texte nur zu verstehen sind, wenn auch die sie umgebenden Texte berücksichtigt werden, also die Texte, welche die AutorInnen kannten und mit denen sie arbeiteten. Darüber hinaus müssen aber auch die durch Epoche und Region gegebenen Spezifika der Entstehungssituation von den einzelnen Werken berücksichtigt werden, wie etwa ästhetische Programme oder Gattungstraditionen.

Weil es um frauenliebende Frauen geht

Die Kriterien etwa von einem Kanon der „Weltliteratur“ oder von einzelnen Nationalphilologien lassen sich nicht auf einen lesbischen Kanon übertragen. Es gibt sicherlich Werke, die es wert wären, mit in die Liste der Weltliteratur aufgenommen zu werden. Trotzdem würde es keinen Sinn machen, an lesbische Literatur den Anspruch zu stellen, dass sie eine literarische Tradition begründet haben muss. Bei einem „Best of“ von lesbischen Werken sollte vielmehr darauf geachtet werden, inwieweit sie für die Identität frauenliebender Frauen von Bedeutung sind, beziehungsweise zu irgendeiner Zeit waren. Wir sprechen dabei bewusst nicht nur von lesbischen Frauen, weil es bereits vor dem Begriff „lesbisch“ Frauen gab, die sich zu anderen Frauen körperlich und/oder emotional stark hingezogen fühlten.

Bisherige Vorschläge für Kriterien bei einem Kanon der lesbischen Literatur

- Hat das Werk eine bestimmte Befindlichkeit innerhalb der lesbischen Kultur beschrieben, die beispielhaft für seine Zeit ist? Ist das Werk für die Nachwelt in historischer Hinsicht von dokumentarischer Bedeutung? (Quelle)
- War das Werk für lesbische Frauen zu einer Zeit identitätsstiftend? (Rezeption)
- Hat das Werk einen allgemeinen künstlerischen Wert? (in Bezug auf Sprache, Gattung, Motive)
- Thematisiert das Werk auf eine besonderer Weise eine spezifisch lesbische Erfahrung? (Stoff, Thema, Motiv)
- Hat das Werk Einfluss auf die Entwicklung der nachfolgenden lesbischen Literatur ausgeübt? (Intertextualität)
- Neben dem Kanon soll es auch eine elektronische Datenbank geben, in der sämtliche Werke der lesbischen Literatur enthalten sind. Zur leichteren Ordnung sollten dann bestimmte Schlagwörter beigegeben werden, damit nach Epochen, Themen u. ä. gesucht werden kann. (Quantitativer Ansatz)
- Bücher von transexuellen Menschen (die sich auch gegebenenfalls auch körperlich vom Mann zur Frau oder umgekehrt operieren lassen) können auch mit einbezogen werden. Die Voraussetzung ist, dass es um Frauenliebe geht.