LESEKREIS >> Englische Frauenliteratur >> English Womens’ Literature

„I choose to tell of the island, of myself and Cruso and Friday and what we three did there: for I am a free woman who asserts her freedom by telling her story according to her own desire“.

Dieses Zitat stammt aus J. M. Coetzees Roman Foe, einer sogenannten Robinsonade aus dem Jahr 1986. Sie erzählt die Geschichte von Susan Barton, die nach einem Schiffsbruch auf einer verlassenen Insel strandet. Auf der Insel leben nur zwei weitere Menschen: der ebenfalls vor Jahren gestrandete Brite Cruso und ein stummer Eingeborener, der Freitag genannt wird.

Erinnert man sich an Daniel Defoes Urwerk Robinson Crusoe ist es selbstredender Weise dessen Titelheld Robinson, der z.B. Tagebuch führt und den Bau eines Bootes plant. In Foe hingegen ist Cruso absolut resigniert und inaktiv, all die genannten Aktionen gehen allein von Susan aus. Letztendlich verstirbt Cruso; nur sie und Freitag werden nach England gerettet. Unterkunft stellt den beiden dort der britische Autor Foe, der Susan ermutigt ihre Erlebnisse für ihn niederzuschreiben, um diese als Roman zu veröffentlichen. Got the clue?

Bleibt man der fiktiven Wirklichkeit verhaftet, hieße das, Defoe veröffentlichte Robinson Crusoe als sein Werk, das tatsächlich das einer Frau war. Ihre Existenz findet jedoch in seiner Niederschrift keinerlei Erwähnung: sie wird zur unsichtbaren Frau durch die Worte eines Autors.

„It is a story you should set down in writing and offer to the booksellers . The booksellers will hire a man to set your story to rights, and put in a dash of colour too, here and there. Their trade is in books, not in truth“.

Diese Parodie des ersten englischen Romans, steht exemplarisch dafür, wie über Jahrhunderte Identitäten, Rollenbilder und Mythen von männlichen Autoren erschaffen wurden, die wahrheitsstiftend wirkten. Zudem beschrieben ihre fiktiven Abenteuer ausschließlich männliche Helden. Zwar sind Frauen in diesen Werken nicht völlig unsichtbar- sie tauchen auf als das Andere, als Prototypen bestimmter Weiblichkeitsbilder- doch meist bleiben sie ohne Sprache, ohne eigene, selbstbestimmte Identität. Es ist also sehr interessant, Klassiker erneut unter diesen Gesichtspunkten zu lesen und die wirkenden Machtverhältnisse im und durch den Text offen zu legen.

Unser Lesekreis will genau das tun und speziell die Werke schreibender Frauen in den Mittelpunkt stellen. Frauen, die wie Susan, ganz nach ihrem eigenen Belieben ihre Geschichte, oder auch „herstory“ erzählten.  Dabei geht es um britische und amerikanische Autorinnen seit dem 18. Jahrhundert. Welche Rollenbilder oder Identitätsmodelle lassen sich in ihren Werken finden und wie sind sie zeitgenössisch oder auch biographisch einzuordnen- das soll einer unseren zentralen Ansatzpunkte sein.

1x monatlich möchten wir in einer lockeren und ungezwungenen Runde diskutieren und interpretieren.  Alle, die mitmachen möchten sollten bereit sein, für jede Sitzung einen Roman (oder vereinbarte Auszüge) auf Englisch zu lesen. Innerhalb der Gesprächsrunde kann dann jede Person frei entscheiden, ob sie lieber auf Deutsch oder Englisch reden möchte.

Also, lasst uns im Lesekreis den vielen  interessanten „Susans“ der englischsprachigen Literatur Beachtung schenken und ihrer geisterartigen Existenz Substanz verleihen!

„When I reflect on my story I seem to exist only as the one who witnessed, a being without a substance, a ghost beside the true body of Cruso. Return to me the  substance I have lost, Mr Foe: that is my entreaty.“